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18.02.2009

Geschichten aus dem letzten Jahr des „Nationalen Netztagebuches“

Das Jahr 2008 bei der NPD BUM

Pinnow (ipr) Mit dem Verschwinden des NPD Weblogs "Nationales Netztagebuches" und der Entsorgung des gesamten Archivs geht der Webgemeinde eine Quelle ständiger Heiterkeit verloren. Unter dem Kommafehler behafteten Motto: "Wenn Lüge Wahrheit ist wird Aufklärung ..." lieferte das Weblog neben massiven antisemitischen Tiraden und Nazi-Standardthemen wie Ausländerkriminalität immer wieder neue Aspekte über die Entwicklung der NPD im Barnim und der Uckermark.

Teil 1

Der Kreisverband der NPD Barnim-Uckermark (BUM) bestand laut Brandenburgischem Verfassungsschutzbericht 2007 aus etwas 20 Personen. Um so wichtiger war es für die Parteimitglieder ein positives Verhältnis zu den sogenannten Freien Kräften und den Kameradschaften aufzubauen. Man brauchte sie im letzten und braucht sie in diesem Jahr schließlich als Unterstützer und Hilfskolonne für den Wahlkampf.


Auch die Uhrzeit eine Fotoapparats lässtsich mani-
pulieren foto: NN
Am 27. Januar 2008 - dem Internationalen Holocausttag – feierte die NPD BUM den Geburtstag des letzten deutschen Kaisers in Biesenthal und legt 300 Meter vom Stadtzentrum entfernt am Kriegerdenkmal für die Gefallenen von 1870/71 einen Kranz nieder. Gleichzeitig behauptete man, dass man dies gemeinsam mit der just wiederbelebten Bernauer Kameradschaft „Nationales Bündnis Preußen“ getan habe. Biesenthal ist der Wohnort des damaligen Kreisvorsitzenden der NPD, Mike Sandow.

Der 36-jährige Fliesenleger war seit Gründung des Kreisverbandes im Dezember 2006 dessen Vorsitzender. Mike Sandow ist verheiratet, hat zwei Kinder und soll sein Geld in Bernau beim ehemaligen Schill-Parteigänger Weßlau verdienen.

Ein Bericht zur Kranzniederlegung fand sich im „Nationalen Netztagebuch“. Der Schreiber des Berichts, Julius Färber, legte dann noch eins drauf. Er propagierte die Dolchstoßlegende: „Kommunisten und Sozialdemokraten haben dem damaligen Führer des “Reiches” den “Dolchstoß” gegeben“, billigt die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg: „Solche von der Art die eben halt mal in den “Landwehrkanal” gefallen sind.“ Und verwies auf Adolf Hitler als Retter, ohne ihn zu nennen: „…der Beginn des Chaos und des linken Raubrittertums … bis zur Befreiung davon…“ Zum Schluss polemisierte er noch gegen das Holocaustgedenken: „Und so werden wir jedes Jahr am 27. Januar feiern…sollen doch die anderen ruhig rumheulen….die undeutschen Verlierer.“

Ob diese Kranzniederlegung im geschilderten Rahmen wirklich stattgefunden hat, kann man nicht so recht klären. Wir befinden uns im virtuellen Raum des Internet. Ein Foto, das im „Nationalen Netztagebuch“ online gestellt wurde, zeigte lediglich den Kranz nicht aber die Leute, die den Kranz niedergelegt haben. Es kann sich also durchaus um einen Propagandafake handeln.

Hassprediger

Das „Nationale Netztagebuch“ zeichnete sich durch einen aggressiven Antisemitismus aus. Der Hauptschreiber nannte sich Julius Färber, offensichtlich spielt das Pseudonym auf den Herausgeber des national-sozialistischen Einpeitscherblattes „Der Stürmer“, Julius Streicher (1885-1946), an. Immer wieder spielte der NPD Hassprediger mit Versatzstücken aus der Deutschen Nazivergangenheit.

Da war es nicht der Linke sondern der „Kommunist und Jude“ Gregor Gysi, der bekämpft werden musste. Da sah der Autor Zustände "wie in Zeiten der Weimarer Republik", als ein schwacher Staat Verbote gegen die "nationale Opposition" erlassen habe.

Seine Hoffnung formulierte Julius Färber gern mit einem leicht abgewandelten Zitaten aus der Sportpalast-Rede von Josef Goebbels: "Und das Volk stand auf und der Sturm brach los".

Einmal hatte das "Nationale Netztagebuch" vorübergehend schließen müssen, nachdem in einem von Fremdenhass und Antisemitismus triefendem Text Bundeskanzlerin Merkel als "Sklave der Juden" bezeichnet wurde. Nachdem der Hetzartikel drei Tage lang auf der Website gestanden hatte, distanzierte sich der NPD-Kreisverband Barnim-Uckermark als Betreiber des "Nationalen Netztagebuchs" von dem Text "ausdrücklich und in schärfster Form". Hacker hätten den Text eingeschmuggelt, so die Ausrede der Rechtsextremen.

Stammkneipen und andere Orte

Am 15. März fand in Schönow, einem Ortsteil des am Nordrand von Berlin gelegenen Städtchens Bernau, ein Treffen von weit über hundert NPDlern und sogenannten „Freien Kräften“ statt. Das Treffen diente dem Kennenlernen und der Vorbereitung des Wahlkampfes. Forciert durch die NPD wurde versucht eine Anti-Antifa ins Leben zu rufen. Fünfzehn entsprechende T-Shirts wurden verteilt. Das Projekt lief ins Leere. Sowohl in Prenzlau als auch in Templin tauchten zwar im Mai Leute mit diesen T-Shirts auf. Aber wo es keine Antifa gibt, bleibt eine Anti-Antifa ohne Reibungsfläche. Unter den Gästen bei dieser Veranstaltung soll sich auch die 72-jährige NPD-Mitglied Irmgard Hack aus Uhlenhof im Nordwesten der Uckermark befunden haben.



Fehlgeburt Anti-Antifa Uckermark foto: ipr
Mit dem „Alten Dorfkrug“ in Schönow hat die NPD einen Veranstaltungsort gefunden auf den sie jederzeit zurückgreifen kann. Die Wirtsleute haben sich auch nicht durch Proteste von Anwohnern von der Saalvermietung an die NPD abbringen lassen. Ein weiterer Ort für Feiern der besonderen Art ist das Grundstück von Irmgard Hack, einer ehemaligen Krankenschwester, die bereits seit 1993 Mitglied der Partei ist. Im April 2008 trafen sich dort Angehörige des „Nationalen Bündnis Preußen“ (NBP), des „Heimatschutz Germania“ (HSG), Freier Kräfte und der NPD und feierten gemeinsam das „Ostara-Fest“. Brauchtum, das in der Nachbarschaft durchaus wohlwollend aufgenommen wurde. Die Besucher kamen aus Bernau, Schwedt, Prenzlau, Greifswald und Stralsund. Bei diesem Fest muss es zu einem Zwischenfall mit der Polizei gekommen sein, denn Roy Grassmann (NBP) aus Bernau wurde einige Monate später vor dem Amtsgericht Prenzlau deswegen mit einer Geldbuße belegt. Mit Christoph Ziese war ein junger Verwaltungswissenschaftsstudent aus Potsdam anwesend, der sich vorgenommen hatte, die zerfaserte Kameradschaftsszene der Uckermark neu zu organisieren und die Kameradinnen und Kameraden ideologisch zu schulen. Christoph Ziese kommt aus dem kleinen Wollin, einem Ortsteil der Uckermärkischen Gemeinde Randowtal.

Zwei Tage vor dem Finale der Fußball-Europameisterschaft am 27. Juni traf sich fast derselbe Personenkreis zur Sommersonnenwendfeier ebenfalls auf dem Grundstück von Frau Hack.

Endlich ein Thema, das ins Konzept passt


Ex NPD-Kreisvorsitzender Mike Sandow in
Joachimsthal foto: ipr
Die Freilassung des Sexualstraftäters Werner K., der seit seiner Entlassung in Joachimsthal (Barnim) bei Verwandten wohnt, bescherte der NPD BUM endlich ein Thema. Es gelang ihr allerdings nicht, Einfluss auf eine Bürgerinitiative von Anwohnern zu erlangen, die sich für das Verschwinden des Sexualstraftäters aus dem Ort aussprach. Immerhin mobilisierte die NPD BUM zu einer Demonstration in Joachimsthal. Tatsächlich marschierten dann auch am 21. Juni 2008 knapp 100 Teilnehmer unter dem Motto “Sicherheit, Recht und Ordnung - keine Gnade für die Täter”durch die Stadt begleitet von einem starken Polizeiaufgebot.

Anfang September feierte sich dann die NPD BUM im „Nationalen Netztagebuch“ und setzte sich an die Spitze der vermeintlichen Bewegung: „In Wirklichkeit haben die CDU-SPD-Behörden von Brandenburg dem Druck der Bürgerbewegung von Joachimsthal und den NPD-Aktivitäten nachgeben müssen. Die Zustimmung in der Bevölkerung bei Aktionen gegen Kinderschänder ist überwältigend.“ So richtig zündete das Thema allerdings nicht. Bei den Kreistagswahlen Ende September bekam die DVU auf deren Liste Mike Sandow kandidierte müde 4,4 Prozent.

Nachdem Werner K. dank journalistischer Aufmerksamkeit seinen Therapieversuch abbrechen musste, kehrte er nach Joachimsthal zurück. Während auf der einen Seite die Bürgerinitiative Mahnwachen vor dem Wohnhaus des Sexualstraftäters abhielt, versuchten Rechtsextremisten die Situation zu eskalieren. Etwa 20 NPD-Anhänger mit Fackeln waren im Oktober zu einer unangemeldeten Demonstration vor dem Haus von Werner K. aufmarschiert. Sie hätten "grölend zu Straftaten gegen Werner K. aufgerufen", hieß es damals bei der Polizei. Solche Demonstrationen soll es öfters gegeben haben. Christian Banaskiewicz, früher ein führendes Mitglied der 2005 aufgelösten Kameradschaft „Märkischer Heimatschutz“, zeichnete verantwortlich für ein Flugblatt, das bei dieser Gelegenheit verteilt wurde. Die NPD feierte das im "Nationalen Netztagebuch" als Bürgeraktion gegen Kinderschänder.



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