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news >> 2014 >> 100929_01

29.09.2010

Großer Zirkus in Milmersdorf

Mit Steinwürfen vertreiben Dorfbewohner die Artisten

Milmersdorf (ipr) Vergangenen Freitag konnte ein kleiner Familienzirkus das Uckermärkische Milmersdorf nur unter Polizeischutz verlassen. Anwohner hatten die Artisten bedroht, beschimpft und mit Steinen beworfen. Fahrzeuge und Campinganhänger wurden durch die Steinwürfe beschädigt.

Im Milmersdorf tobte der Mob und richtete sich gegen die Artisten des kleinen Zirkus Happy, der dort am vergangenen Wochenende gastieren wollte. "Zigeunerpack! Asoziales Pack verschwindet! Wir fackeln euch die Zelte ab!" schrien etwa 20 jugendliche und erwachsene Angreifer und schmissen Steine auf die Zirkuswagen. Auf dem Gelände befand sich nur der Zirkusnachwuchs 16, 14, 11 und 8 Jahre alt. Die Eltern waren im knapp 90 Kilometer südlich gelegenen Berlin und saßen im Stau fest.

Etwa gegen 17:00 Uhr war Bürgermeister Klaus-Christian Arndt noch an der Milmersdorfer Turnhalle gewesen, um Streit zu schlichten. Dort hatte er den Familienzirkus platziert. An der Betonstraße in Richtung des 10 Kilometer entfernten Templin. Gegenüber von den Plattenbauten, die in Milmersdorf nur Blockweise gezählt werden. Dort gab es eine ausreichende Grünfläche und auch genügend Strom für die Artisten, ihr Zelt und ihre Tiere.

An den Tieren entspann sich der Streit. "Anwohner beschwerten sich, der Elektrozaun wäre zu nah am Gehweg," berichtet der Bürgermeister, "die Artisten sagten, Kinder kletterten durch den Weidezaun, um die Tiere zu streicheln. Sie hätten Angst, dass den Kindern etwas passiere."

Die Tiere der Zirkusfamilie Sperlich, das sind drei Ponys, zwei Ziegen, ein Lama und ein Esel. Dazu Enten, Hühner und Kaninchen. Der Bürgermeister sagt, dass er die Zirkusleute gebeten habe, den Zaun und die Tiere etwas in Richtung Turnhalle zu versetzen, was auch geschehen sei. Für ihn war die Situation geklärt.

Die 37-jährige Zirkuschefin Jennifer Sperlich schildert das ganz anders. Ihre 16-jährige Tochter sei bedroht und beschimpft worden. Man solle den Weidezaun wegnehmen! Das sei gegen das Tierschutzgesetz! Man werde die Polizei rufen! Eine Anwohnerin habe ihrer Aggression freien Lauf gelassen mit Sätzen wie "Halte dein dickes fettes Maul!" und "Ihr fickt ja mit euren Tieren rum!"

Kaum war Bürgermeister weg, muss Situation eskaliert sein. Beschimpfungen und Steine flogen vom Wohnblock gegenüber in Richtung der Zirkuskinder. Die retteten sich in einen Campinganhänger und benachrichtigten ihre Eltern. Die alarmierten die Polizei. Gegen 18:30 Uhr waren die vor Ort und beendeten den Spuk.

Die Zirkusfamilie entschloss sich, den ungastlichen Ort zu verlassen. "Bis Mitternacht haben wir unter Polizeischutz abgebaut", berichtet Jennifer Sperlich. Immer wieder seien Anwohner bedrohlich näher gekommen und mussten von den Polizisten vertrieben werden. Bürgermeister Arndt wirft sie vor, dass der einfach abgetaucht sei als es gefährlich wurde. Der wäre nicht ans Telefon gegangen. Der hingegen sagt, dass er erst gegen 21:30 Uhr erfahren habe, dass die Polizei im Dorf sei und der Zirkus weiterziehe. Über das ganze Ausmaß der Vorfälle, sei er erst am Montag informiert worden. "Ich bin traurig und erschüttert, das so etwas passieren konnte," fügt er hinzu.

Bei der Pressestelle der Polizei war über den Freitagabend lediglich zu erfahren, dass die "Polizei in der Ortslage Milmersdorf Anzeigen wegen Bedrohung, Beleidigung, versuchter Körperverletzung und Sachbeschädigung zum Nachteil einer Familie aufgenommen hat, die einen Zirkus betreibt. Beim Eintreffen der Polizei konnten mehrere Tatverdächtige gestellt und deren Personalien erhoben werden. Gegen die Personen wird ermittelt."

Bleibt noch der Polizist zu erwähnen, der gegenüber Frau Sperlich äußerte, dass er sich für das Geschehene unendlich schäme.



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