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news >> 2014 >> 111110_01

10.11.2011

Die NPD, die Wahrheit und Immanuel Kant

Das Zitate-Komp (l) ott

Pinnow (ipr) Die Rechtsextremen in der Bundesrepublik nehmen es beim Zitieren nicht so genau. Und wenn ihnen bei berühmten Deutschen kein nationalistisch missbrauchbarer Spruch unterkommt, erfinden sie ihn oder schreiben Gesagtes nach Bedarf um.

Jüngst fand sich auf der Website der NPD-Prenzlau ein Text, der Immanuel Kant zugeschrieben wurde: „Die ungeschriebenen Gesetze und Zwänge der Natur werden letztlich dasjenige Volk belohnen, das sich allen Widerwärtigkeiten zum Trotz erhebt, um gegen Ungerechtigkeiten, Lügen und Chaos anzukämpfen. Das war stets so in der Geschichte und so wird’s immer sein. Weder uns noch unseren Nachkommen wird dieser Kampf ums Überleben erspart bleiben.“

Dieses vermeintliche Kant-Zitat scheint den Nazis zu gefallen. Legitimiert es doch in dieser Form ihren völkischen Widerstand gegen die Globalisierung und fügt sich nahtlos in die auch in der Uckermark zu entdeckende Volkstod-Kampagne ein.

Benutzt man zusammenhängende Worte aus diesem Text für eine Google-Suche erhält man als führende Treffer ausschließlich Websites und Blogs aus dem rechtsextremen Lager, von Reichsbürgern oder Verschwörungstheoretikern.. Das ist ein erstes Indiz dafür, dass die Worte, die Immanuel Kant zugeschrieben werden, reine Erfindung sind.

Eine allgemeine Suche nach Kant-Zitaten bringt zwar jede Menge Treffer, nur ist dann dieses von den Nazis genutzte Zitat auf den gefundenen Website garantiert nicht zu entdecken.

Eine Nachfrage beim Kreisvorsitzenden der NPD, Hartmut Kneider, wo denn das Zitat herkomme, hilft auch nicht weiter. Der schickt zwar eine ironische Antwort – „… schön das sie sich für unsere Seiten interessieren. Weiter so !“ – aber eine Quelle für die von ihm genutzten Worte nennt er auch nicht. Kann er wahrscheinlich auch gar nicht, weil es keinen Nachweis dafür in den Schriften von Immanuel Kant gibt.

Dr. Grigori Katsakoulis, der mit einer Dissertation über Kant promoviert wurde, schickt auf Nachfrage, ob er dieses Zitat kenne, eine sehr eindeutige Antwort: „Jeder große Denker hat zwar auch Blödsinn geschrieben. Dieser Text widerspräche allerdings grundlegenden Ideen der Kantischen Lehre, z. B. der einer universellen Völkergemeinschaft zum ewigen Frieden. Sie pervertiert bei diesen Leuten zum völkischen Kampf ums Überleben. Kants Schrift zum ewigen Frieden ist ein Plädoyer für den Frieden der Völker im Miteinander des Respekts moralischer Pflichten und verallgemeinerbarer Gesetzesnormen. Dass sich ein Volk oder Mensch über den anderen erhebt und diesen zum bloßen Mittel seines Erfolgsstrebens macht, seiner völkischen Gesinnung, widerspricht Kantischer Morallehre. Menschenrechtsbegründungen bauen auch heute noch darauf auf.“

Nicht nur Kant

Im Sommer gab es auf gegenrede.info eine Debatte über den Zitatmissbrauch der Nazis. Jemand, der sich Antagonist nennt, und sehr viel Wert auf seine Wissenschaftlichkeit legt, musste bei drei von vier verwandten Zitaten kleinlaut zugeben: „Bei den anderen von mir zitierten Gefügen (von Mann, Eckermann und Goethe) ist es mir leider nicht gelungen, die Fundstelle auszumachen.“

Anders als Kreisführer Kneider zieht Antagonist daraus allerdings seine Konsequenzen: „… ich werde zukünftig nur noch Quellen heranziehen, die ich sorgsam auf ihre Authentizität überprüft habe. Demnach entschuldige ich mich inständig für das Außerachtlassen der erforderlichen Sorgfalt.“

Antagonist bekam für das Eingeständnis seiner Fehler Häme und Spott aber auch anerkennende Worte von seinen Kritikern. Hartmut Kneider hingegen muss sich in Zukunft als Kreisführer und Kantexperte auf gegenrede.info verspotten lassen.

Nachtrag

Übrigens die Überschrift zu dem Artikel auf der NPD-Prenzlau Website mit dem Kant-Zitat lautet: „NPD – für Wahrheit, Frieden, Menschenrecht“.



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